Literaturblog
Bücher faszinieren mich, seitdem ich in der Schule Lesen gelernt habe. Für mich war es das Schönste, mein Taschengeld in der kleinen Buchhandlung ein paar Kilometer weiter auszugeben. Das Geld stockte ich auf, als ich für die Kinderseite der örtlichen Tageszeitung anfing, Geschichten zu schreiben. Dafür gab es ein Honorar. Von da an gehörten Lesen und Schreiben für mich zusammen: Ich las, um zu schreiben, und ich schrieb, um zu lesen.
Nach der Schulzeit rezensierte ich als Journalistin Bücher, ich studierte Germanistik und begann als freie Autorin selbst Bücher zu schreiben.
Seit einigen Jahren arbeite ich in der Nicolaischen Buchhandlung in Berlin und bin schneller und umfassender als bisher auf dem Laufenden, was es an Neuerscheinungen gibt.
In diesem Blog stelle ich Bücher vor, die mir gefallen, die mich inspirieren, berühren, aufwühlen, Bücher aus kleineren Verlagen und Marktnischen, Bücher, die ich vor oder während einer Reise lese, Bücher im Zusammenhang mit einem Schreibprojekt - kurzum: Bücher, die mein Leben bereichern und von denen ich mir wünsche, dass sie ein möglichst breites Publikum finden.
Da hinter jedem Buch viele Menschen stehen und ich es liebe, sowohl Fragen zu stellen als auch mir erzählen zu lassen, führe ich hier Interviews, die sich über die Rezensionen hinaus mit Büchern und Literatur beschäftigen.

Politik mit
Elefanten
11. November 2025
Berlin am Morgen. Die Stadt erwacht und die Menschen reiben sich ungläubig die Augen: In der Spree badet ein Elefant! Wie sich herausstellt, ist er einer von 20.000 – ein Geschenk des Präsidenten von Botswana. Es ist seine Antwort auf das deutsche Einfuhrverbot von afrikanischen Jagdtrophäen, sprich: Elfenbein. Man wolle sich nicht vorschreiben lassen, wie man zu leben habe, so der botswanische Präsident, solle Deutschland doch sehen, wie es mit den Tieren klarkomme. Und überall tauchen sie nun auf, die wilden Dickhäuter, in den Kiezen von Ost nach West, stürmen Parks und Museen, überqueren Straßen und Autobahnen. Bundeskanzler Winkler ernennt rasch eine Elefantenministerin, zieht Veterinärexperten zu Rate, um sich mit deutscher Gründlichkeit der Herausforderung zu stellen. Doch das Chaos bleibt nicht aus.
Klug, leichtfüßig, mit bitterbösem Humor hat Gaea Schoeters eine Politsatire geschrieben, die viel Interpretationsspielraum lässt. Um die Fragen des globalen Miteinanders geht es, um die politischen Mechanismen in einer aus den Fugen geratenen Welt, um die Verantwortung und Haltung der Gesellschaften. Ein Buch, das Spaß macht zu lesen, zum Nachdenken und zu Diskussionen anregt und uns nebenbei viel über Elefanten erzählt.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Lisa Mensing.
Gaea Schoeters, Das Geschenk, Hanser, 22 Euro.

Was uns mit
früher verbindet
30. Oktober 2025
Zugegeben, der Titel hat mich zögern lassen, dann habe ich doch zugegriffen - zum Glück, denn der Roman von Anna Maschik ist ein wunderbares Buch! Ein Jahrhundert bäuerlicher Familiengeschichte wird erzählt, nicht als epische Chronik, sondern als Text in Fragmenten. In kurzen Kapiteln lernen wir die Familienmitglieder kennen, vor allem die Frauen. Am Beginn steht die Ururgroßmutter, die während des Krieges heimlich schlachtet -, Schafe, die im Gegensatz zu Schweinen still sterben. Liebesgeschichten von Töchtern folgen, Geschwisterrivalitäten, Umzüge. Das Ende der Generationenkette bildet Enkelin Alma, die Erzählerin aus der Gegenwart. Sie schaut auf die Menschen und Handlungen vor ihrer Zeit, um zu verstehen, was auch ihre Identität prägt. So vieles kehrt auf unterschiedliche Weise wieder, auch wenn sich Wege trennen und, wie hier, von der Nordsee bis nach Österreich führen.
Der Erzählstil von Anna Maschik (geb. 1995) hat mich sehr begeistert. Sprachlich knapp, magische Bilder: Toten wachsen sieben Meter lange Bärte, eine Mutter verwandelt sich in einen Zitronenbaum. Ein starkes Debüt!
Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten. Luchterhand Literaturverlag, 23 Euro.

Wenn Mäuse
erzählen
14. September 2025
Ich mag Romane, in denen etwas gewagt wird, eine ungewöhnliche Erzählkonstruktion zum Beispiel oder eine eigenwillige Perspektive. Genau deshalb hat mich Yulia Marfutova gleich mit ihrem Buch für sich eingenommen. Denn bei ihr erzählen - Mäuse! Sie bilden die Zeitzeuginnen in diesem originellen Roman, der auf gerade einmal 141 Seiten eine komplexe russisch-jüdische Familiengeschichte entfaltet.
Drei Töchter - 17, 16 und 10 Jahre alt - möchten mehr über ihre Mutter erfahren. Bevor sie neu in einem anderen Land anfing, lebte Marina in der ehemaligen Sowjetunion und nahm in den Achtziger Jahren Anteil an den politischen Umbrüchen. Doch sie selbst erzählt wenig aus dieser Zeit. Auch die Großmutter interessiert die drei Schwestern. Nina war nicht nur ein Zahlen-Ass, sondern hatte schon auch mal prophetische Träume. Und warum hat sie ihren Namen geändert?
Mehr oder weniger geduldig beantworten die Mäuse die Fragen, und das, was sie nicht wissen, reimen sie sich eben zusammen.
Skurril, witzig, aber auch vollkommen ernst spielt Yulia Marfutova mit Erzählsituationen und dem Phänomen Zeitzeugenschaft und Erinnerung. Ein Buch, das Ansprüche stellt und gleichzeitig Leichtigkeit hat. Ich empfehle es gern.
Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Rowohlt, 22 Euro.

Vom Körper und vom Schreiben
20. August 2025
Im Café, auf den letzten Seiten von Daniela Dröschers neuem Roman. Ich lese ihn gern: Um eine junge Frau und ihren versehrten Körper geht es, die übermächtige Mutter und den Mut, den eigenen Weg einzuschlagen, unabhängig von den Ansprüchen und Erwartungen anderer.
Kleine Abstriche: Ein paar weniger Krankheiten hätten es sein können, ein bisschen weniger überdeutlich ausgefeilte Selbstanalyse. Aber der lebendige Ton und der Erzählfluss ziehen mich mit, abgesehen davon, dass die Autorin einen feinen Sinn für Komik hat.
Außerdem habe ich nun Lust, Daniela Dröschers Roman "Der falsche Japaner" zu lesen, das Buch, über dessen Entstehung sie hier, in "Junge Frau mit Katze", schreibt. Wie eine Schriftstellerin zu ihrem Beruf und ihren Themen kommt, ist immer wieder faszinierend zu lesen.
Daniela Dröscher: Junge Frau mit Katze. Kiwi, 24 Euro.

Zwei Frauen
begehren auf
19. August 2025
Eine Frau, die im 18. Jahrhundert Leichen seziert, oje, habe ich darauf Lust? Aber ich habe so viel Schönes über das Buch gehört, dass ich neugierig bin.
Es beginnt mit Marie Biheron, die in vorrevolutionärer Zeit in Paris Anatom werden will. Dafür braucht sie von Verstorbenen die Organe, um sie in Wachs nachzubilden. Nur erst mal herankommen an die Leichen, wenn ein solcher Beruf nicht für Frauen vorgesehen ist.
Madeleine Basseporte ist eine hochtalentierte Pflanzenmalerin und dazu gezwungen, Mädchen im ornamentalen Zeichnen zu unterrichten. Madeleine hasst das Ornamentale und „flottierende Streublumen für den Tapetendruck“. Sie liebt die echte Natur.
Ich lese über die Gesellschaft damals, wie Marie und Madeleine die an sie gestellten Rollenerwartungen brechen, wie beide berühmt werden – und wie die Liebe zwischen ihnen ihren Lauf nimmt (unwohl ist mir nur dabei, dass Marie bei Beginn der Beziehung noch im Teenageralter ist und Madeleine schon in ihren Dreißigern).
Am Ende klappe auch ich das Buch begeistert zu. Christine Wunnicke schreibt lebhaft und frech, lässt Gerüche wabern und Figuren granteln. Sie hat den Schalk im Nacken und so viele originelle Ideen, dass ich nur staune. Ein sprachliches Kunstwerk, das mir viel Vergnügen bereitet hat.
Christine Wunnicke, Wachs, Berenberg, 24 Euro.